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Liebe Freunde, Berlin, Januar 2008

ich berichte Euch von nun an in regelmäßigen Abständen darüber, was in letzter Zeit alles so bei mir passiert ist.

Tim und Daniel
(Copyright/Sascha A. Giebel)
Das Jahr 2007 hat mit so einigen Höhepunkten für mich aufgewartet: Anfang Februar das Duoalbum mit Daniel Mattar „A Mexican Story“, das wir für Acoustical Mind Records in den neuen labeleigenen FWL Studios in Markkleeberg bei Leipzig aufgenommen haben. Dies war meine erste Zusammenarbeit mit dem jungen engagierten Team dort, und ich muss sagen, dass wir beide, Daniel und ich, einfach begeistert waren von den Möglichkeiten und der grenzenlosen Unterstützung aller Mitarbeiter. Nochmal herzlichen Dank an Euch: Patrick, Kai, Steffen und André!

Verkehr Mexiko Stadt                    Jazzfestival Mexiko Stadt Jazzfestival Jazzfestival  Mexiko Stadt Daniel und Tim Mexiko
(Copyright/Mattar)                 (Copyright/Mattar)
Und dann klappte es unglaublicher Weise auch noch, dass wir die neue CD tatsächlich Anfang März mit im Gepäck hatten auf unserer Konzertreise durch Mexiko.
Nachdem ich ja schon 2006 die Ehre hatte, dort zu spielen und Deutschland beim Eurojazz Festival in Mexikostadt zu vertreten, habe ich mich natürlich sehr über die erneute Einladung gefreut. Die Reise verlief so ähnlich wie beim letzten Mal: zuerst das große Konzert im Centro Nacional de las Artes, wobei sogar die Eröffnung des gesamten Festivals anstand. Das Konzert fand unter freiem Himmel statt, war mit ca. 3000 Zuhörern bis zum letzten Platz gefüllt und wurde vom mexikanischen Fernsehen aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt gesendet. Es war ein unglaublich tolles Erlebnis: die Atmosphäre mit der gerade untergehenden Sonne, das warmherzige, enthusiastische und sehr aufmerksame Publikum und die Inspiration, die Daniel und mich an diesem Abend beflügelte.
Es folgten Konzerte in Monterrey, Saltillo und San Luis Potosí. Diese Reise hat viele großartige Eindrücke bei uns hinterlassen, sowohl von dem Land als auch von den vielen wunderbaren Menschen, die wir dort getroffen haben.
Das Album „A Mexican Story“ ist so etwas wie eine persönliche Liebeserklärung an dieses Land – einige wissen vielleicht auch, dass ich eine familiäre Beziehung zu Mexiko habe – und kann wie eine Art musikalisches Notizbuch betrachtet werden, indem ich persönliche Eindrücke und damit verbundene Gefühle zum Ausdruck bringe. Diese Idee habe ich dann gemeinsam mit Daniel weiterentwickelt und hat uns dann auch zu der Einbeziehung von vier bekannten mexikanischen Boleros gebracht, die wir dann in unsere eigene Klangsprache übertragen haben.
Die Musik für das Album ist in relativ kurzer Zeit entstanden. Und dabei hat sich auch herausgestellt, wie gut Daniel und ich kreativ zusammenarbeiten können.

Kailash Trio
(Copyright/Mark Brown)
Eine weiteres größeres Projekt ist das Kailash Trio mit den beiden New Yorker Musikern Tom Christensen (Holzblasinstrumente) und Tomas Ulrich (Cello). Mit Tom verbindet mich ja inzwischen schon eine langjährige Freundschaft, nachdem er einmal bei einer Tournee meines Quintetts Ende der 90iger Jahre für unseren Saxophonisten Joel Frahm eingesprungen war. Er hätte mir damals nicht sein Resumee schicken sollen, auf dem all die Instrumente stehen, die er spielt. Ich fing sofort Feuer, arrangierte die Musik um und war absolut begeistert von den neuen Klängen, die er mit Oboe, Englisch Horn, Bassklarinette und Querflöte beisteuerte.
Seitdem haben wir uns nicht aus den Augen verloren: 2002 entstand die erste gemeinsame Aufnahme „Americana“, zu der wir den Bassisten Ben Allison und Michael Kersting am Schlagzeug einluden.
Musikalisch gesehen steckt „Americana“ ein weites Feld ab: von modernem Mainstream, über offenen ECM Sound bis hin zu freier Abstraktion.
Nach den Aufnahmen waren wir uns jedoch sofort einig, dass wir dieses kammermusikalisch-zeitgenössische Terrain gerne noch tiefer auskundschaften würden, das wir schon auf „Americana“ immer wieder streifen (wie z.B. in den Stücken „Americana“, „The Watcher & The Moon“ und „Nozomi“).
Und somit war die Idee für das Kailash Trio geboren. Keine konventionelle Rhythmusgruppe mehr, stattdessen Cello. Ich begann Musik für die Besetzung zu schreiben und nach längerer Suche trafen wir auf den Cellisten Tomas Ulrich und konnten ihn für das Trio begeistern.
Im Oktober 2006 trafen wir uns dann endlich in New York, um unser erstes Trioalbum „Kailash“ aufzunehmen.
Und in diesem Herbst ist es nun endlich bei meinem Stammlabel Nabel Records erschienen. Mein besonderer Dank gilt hier Produzent Rainer Wiedensohler, der stets ein offenes Ohr für meine neuen Ideen hat und alles tut, sie auch in die Tat umsetzen zu können, sowie meinem alten Freund Matthias Reusch, dem Toningenieur meiner Wahl (Matthias hat ja auch die Solo-CD aufgenommen und „Americana“ gemischt), der beim Mischen wieder einmal ein wahres Wunder an Transparenz und Wärme vollbracht hat.
Kailash Trio                        Kailash Trio Proben
(Copyright/Sund)                        (Copyright/Rainer Fröhlich)
Wir waren inzwischen ja nun auch schon in Deutschland unterwegs und haben u.a. auf den Dresdener Tagen für zeitgenössische Musik gastiert als auch gleich eine weitere Produktion gemacht, eine Live DVD im HD Format, die frühestens wohl kommenden Herbst bei Nabel erscheinen wird.
Bei den Aufnahmen für die DVD, die wir in der großen „Recording Hall“ der schon erwähnten FWL Studios aufgenommen haben, handelt es sich um ein Multimedia-Projekt, bei dem das Trio zu Filmen animierter Bilder des russischen Malers Nikolas Roerich
improvisiert. Für die wunderbaren Filme zeigt sich mein Freund Jonas Marx verantwortlich.

Dieses Programm haben wir dann auch am 2. Oktober bei unserem Gastspiel bei den Dresdener Tagen für zeitgenössische Musik vorgestellt. Das Konzert war ausverkauft und wir hatten ein tolles Publikum. Für uns als auch den Veranstalter eine durch und durch gelungene Veranstaltung.
Interessant ist, wie unterschiedlich so ein grenzüberschreitendes Projekt von der Neue-Musik-Kritik aufgefasst werden kann.
Ich mache mir jetzt hier einmal den Spaß, die völlig unterschiedlichen Eindrücke und Bewertungen zweier Kritiker einander gegenüberzustellen:

„Der Berliner Pianist Tim Sund und seine New Yorker Kollegen an Holzblasinstrumenten und E-Cello wollten auf ihre Weise vermitteln: zwischen Klassik und Jazz, Komponieren und Improvisieren. Zwischen Dur und Moll möchte man das Sinnbild ergänzen, denn gehaltvolle Gespräche entzündeten sich weder vor dem Sacre-Motiv noch vor temperafarbenen Achttausender. Die Musik blieb seltsam sprachlos, ideenarm, säuselten lieblich-unverbindlich wie mancher Jazz der 70er und 80er Jahre. Das Publikum im ausverkauften Oberlichtsaal nahm dies unterschiedlich an – die einen ermüdeten rasch, andere bauten Nester. Nirgendwo aber aufgeregtes Flattern. Für einen Ort der Avantgarde, dessen Schöpfungen ihrer Zeit oft so weit vorauseilen, dass sie außer Sicht geraten, war dies eine fast verstörend harmlose Veranstaltung.“ (Karsten Blüthgen, Sächsische Zeitung)

„Das Trio sieht seine Musik in den Grenzbereichen zwischen Klassik und Jazz angesiedelt. Das konnten die Zuhörer schon nach wenigen Minuten bestätigen und gleichzeitig feststellen, dass das Trio mit seinen Interpretationen einen nahezu vollkommenen Kompromiss verwirklicht. Einerseits stecken viele Ingredienzien zeitgenössischer E-Musik in den Kompositionen, andererseits sind die Musiker Vertreter so schöner Harmonik, dass der Zugang selbst jenen Hörern möglich wird, die zu Jazz oder zeitgenössischer Kammermusik ein distanziertes Verhältnis haben.
Auffällig war die Intensität, die von jedem der drei Triomitglieder ausging, aber auch die technische Souveränität, mit der sie ihre Instrumente beherrschen. Verblüffend war vor allem Tom Christensen, der ein ganzes Arsenal von Holzblasinstrumenten meisterhaft bediente. Der Cellist Tomas Ulrich brachte die avancierteste Spielweise ein, Tim Sund am Klavier sorgte in vielen Stücken für die rhythmische Stringenz.“ (Peter Zacher, Dresdener Nachrichten)


Was Herr Blüthgen von der Sächsischen Zeitung für ein „E-Cello“ hält, erkennt Peter Zacher in den Dresdener Nachrichten ganz richtig als „avancierte Spielweise“, denn da war kein E-Cello, keine Verstärkung – alles völlig akustisch. Doch manchmal klingt Tomas Ulrichs akustisches Cello eben wie die Gitarre von Jimi Hendrix!

Was für Blüthgen „sprachlos, ideenarm, lieblich-unverbindlich säuselt wie mancher Jazz der 70er und 80er Jahre,“ ist für Zacher „auffällig“ in seiner „Intensität.“

Und was Blüthgen als „ermüdende“ Vermittlung „zwischen Dur und Moll“ abwertet, erscheint Zacher als Musik „von so schöner Harmonik, dass der Zugang selbst jenen Hörern möglich wird, die zu Jazz oder zeitgenössischer Kammermusik ein distanziertes Verhältnis haben.“

Mein Dank gilt Herrn Zacher von den Dresdener Nachrichten, dessen Rezension zeigt, dass er unser Konzert so verstanden und empfunden zu haben scheint, wie es gemeint war.

Ich denke die Zeit ist längst reif dafür und ich scheue mich auch nicht mehr davor, dass auch „Kunst“ schön sein und die Sinne und Herzen berühren darf, ohne „kitschig“ sein zu müssen.
Wie passend kann manchmal auch ein simpler Mollakkord sein...
Die Musik von Toru Takemitsu hat mich gelehrt, nichts auszuschließen, sondern immer alle Möglichkeiten im Auge/Ohr zu behalten.
To be inclusive!!!

In diesem Sinne – bis zum nächsten Mal.
Euer Tim


08:13:14 am 21.01.2008 von timsund - -
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